“Acht Leben für 1500 Euro ausgelöscht”
Von Normen | 12. Juli 2010 | Kategorie: Aktuelle Informationen |Immer, wenn ich glaube, es kehrt mal wieder etwas Ruhe ein, kann ich darauf wetten, dass die nächste unglaubliche Geschichte um die Ecke kommt. Dieses Mal ereignete sich der Vorfall in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, genauer gesagt in Schmitten im Hochtaunus.
Was war passiert?
Wie die regionale Presse berichtet, wurden Mitte Juni acht schottische Hochlandrinder auf Anordnung des Veterinäramtes Hochtaunuskreis gekäult. Der Grund für die Tötung der von Anwohnern und Nachbarn als sehr lieb und zutraulich beschriebenen Tiere war nicht etwa Krankheit, schlechte Haltung oder gar eine Rinderseuche – nein, die Tiere wurden getötet, weil ihr Besitzer sich geweigert hatte, eine eidesstattliche Versicherung (sogenannter Offenbarungseid) zu unterzeichnen und deswegen verhaftet wurde – und zwar in Höhe von ca. 1.500,00 Euro.
Da der ältere Herr, der einsam in einer Holzhütte in einem Wald gelebt hat, niemanden nennen konnte, der die Rinder übernimmt bzw. betreut, wurde hier kurzer Prozess gemacht.
Wie der Usinger Anzeiger berichtet, wurde
“er, aufgrund eines schwerwiegenden Hüftschadens, liegend mit einem Ambulanzwagen in die Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt Frankfurt gebracht [...]. Seine bei ihm lebende Frau leistete aus Solidaritätsgründen ihrem Mann gegenüber auch keine Unterschrift und kam deshalb in Haft. Angeblich soll es sich um Schulden bei der öffentlichen Hand in Höhe von etwa 1500 Euro handeln.”
Trotz der Tatsache, dass sich Landwirte aus der Gegend, Nachbarn und auch die Familie des Mannes dafür einsetzten, dass die Rinder versorgt wurden und die Sommerweide repariert wurde, ging die Behörde davon aus, dass:
von den Rindern wegen ihrer ausladenden, spitzen Hörnern und ihrer Aggressivität eine akute Gefahr für jeden bestanden habe: „Es war zu wenig Futter vorrätig, die Tiere standen im Schlamm und der verfallene Unterstand bot kaum Schutz vor der Witterung.“ Den Bestand kurze Zeit später zu keulen, also alle Tiere zu töten, wurde damit begründet, dass man für die Rinder trotz intensiver Suche kein Quartier habe finden können. Keiner der befragten Rinderhalter sei bereit gewesen, die Tiere aufzunehmen.
Nun, Rinderhalter in der Umgebung wurden befragt und zeigten logischerweise kein Interesse, da die Tiere keine Ohrmarken hatten. Tierschutzvereine oder -initiativen wurden laut meinen Recherchen allerdings nicht gefragt. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, die Tiere in ihrer gewohnten Umgebung zu versorgen, da die bemängelten Punkte mit überschaubaren Aufwand mithilfe der solidarischen Nachbarn zu beheben gewesen wären.
Was diese übrigens von der angeblichen Agressivität und schlechten Haltung der Tiere halten, kann man ebenfalls in dem Artikel nachlesen:
(Die) Dorfbewohner bestätigen die Sanftheit der Tiere, wie die neunjährige Jolien, die die Kuh mit dem gleichnamigen Namen Jolien aus der Hand fütterte und über ihren Tod nächtelang weinte. Auch Judith B. bedauert die ganze Sache: „Natürlich waren im Frühjahr die Wiesen nicht so ergiebig wie sonst nach diesem harten Winter, aber die Tiere wurden täglich mehrfach mit Heu gefüttert“, erzählt die Treisbergerin, die sich gerne an die alte Kuh Jule erinnert, die „immer gemuht hat, als ich sie gerufen habe.“ Für Back geht ein „Stück heile Welt“ zugrunde. Sie erzählt, dass die Frau täglich den Mist entfernt habe, ihre Rinder „Babys“ nannte, und genügend frisches Wasser, Salzlecksteine und ausreichend Heu zur Verfügung gestellt habe. Bisweilen schnitt sie den Tieren die Augen frei, damit sie besser sehen konnten und striegelte sie.
Natürlich kann man an dieser Stelle beklagen, dass der Besitzer der Hochlandrinder die eigesstattliche Versicherung einfach hätte leisten können, doch die Tatsache, dass die Tiere offenbar getötet wurden, ohne alle Möglichkeiten auszuloten, legt den Verdacht nahe, dass es sich die Behördenvertreter vielleicht doch etwas leicht gemacht haben.
Auch dies bestätigen Aussagen gegenüber der Regionalzeitung:
Für die Treisberger Bevölkerung, der der Waldbewohner im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen ist, bleibt es unverständlich, warum die Tiere getötet wurden und somit der einzige Lebensinhalt zweier Menschen genommen wurde. „Wahrscheinlich war es die alternative Art, die angeeckt ist“, glaubt Stefan Habig. Den „Eremiten“ von Treisberg könne man als einen Freigeist bezeichnen, der niemals jemanden etwas getan oder auch nur verlangt habe. (…)Ihm tue es leid, was hier passiert ist und hätte er die Möglichkeit gehabt, hätte er gerne geholfen, „aber niemand hier erfuhr davon.“
Wir hätten auch gerne geholfen und sind traurig – unser Mitgefühl gilt den Tieren, die nichts für die Situation können.
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