Arbeitsplätze vs Tierschutz
Von Normen | 26. Juni 2009 | Kategorie: Aktuelle Informationen |Gestern wurde ich mit einer moralischen Frage in Hinblick auf Proteste gegen eine Rodeo-Veranstaltung am kommenden Sonntag konfrontiert, die ich hier gerne weitergebe und auch aus meiner Sicht beantworten möchte.
Ist es vertretbar, einem Unternehmen zu schaden und Arbeitsplätze – ja ganze Existenzen – zu gefährden, weil durch die Arbeit Tiere zu Schaden kommen können?
Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage komme, möchte ich etwas ausholen:
Vor einiger Zeit berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über das Zirkussterben in Deutschland. Als Beispiel hierfür wurde der Zirkus Barelli genannt, der unter anderem durch eine Kampagne von PETA in die Schlagzeilen geraten ist.
Dem entsprechend ereifert sich Harry Barelli auch ausgiebig:
Schlimmer sind in seinen Augen nur noch die Tierschützer. „Die machen uns kaputt mit ihrer Propaganda“, ruft er über den Festplatz. Zeitungen weigerten sich inzwischen, über Zirkusse mit Tieren im Programm zu berichten. Die Unterbringung der Tiere würde immer strikter reguliert und sei nicht mehr zu finanzieren.
Wie die kaum zu finanzierende Unterbringung aussieht, dokumentieren VierPfoten:
Dabei könnte es ja sein, dass der Grund für die Misere von Herrn Barelli die ist, dass die “beste Circus-Show der Welt (Eigenwerbung Barelli)” mittlerweile ziemlich lahmt.
Wie die FAZ in ihrem Artikel zu berichten weiß, kosten die günstigsten Eintrittskarten
für Kinder 15, für Erwachsene 20 Euro. Dafür gibt es zwei Stunden Programm, in dem weder viele Tiere aus Afrika noch weltbeste Artisten vorkommen. In der Pause werden noch einmal fünf Euro fällig für die große Tierschau, die daraus besteht, dass man die dösenden Pferde, Kamele und Lamas in ihren Gehegen besichtigen kann.
Besonders viel bekommen die Besucher also nicht für ihr Geld geboten – ganz abgesehen davon, dass die Zurschaustellung der Tiere mindestens als geschmacklos zu bewerten ist und man eigentlich froh sein muss, dass zumindest keine Tiere aus Afrika (mehr) zu sehen sind.
Ähnlich wie Herrn Barelli geht es auch den Veranstaltern von sogenannten Rodeos. Am nächsten Sonntag, den 28. Juni ist es wieder soweit. Der Veranstalter schwelgt in Westernfantasien:
[…] auch in Good Old Germany versuchen Cowboys, sich 8 Sekunden auf den Wildpferden zu halten, oder wagen den Ritt auf einem Tornado, einem Bullen mit fast 1000 kg Gewicht! Rodeo in Deutschland, das ist Extremsport, der bereits vor über 30 Jahren seinen Weg nach Europa gefunden hat.
Wie extrem dieser Sport vor allem für die Beteiligten Tiere ist zeigt z.B. dieses Video ab ca. Min 1:40 :
Und die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung des Veranstalters und der Ansicht seiner KritikerInnen veranschaulicht dieser Ausschnitt:
Nun argumentierte mein Gegenüber, dass es in der Natur der Sache liege, dass Tiere bei einem Rodeo zu Schaden kommen und im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden. Schliesslich sei ein Wildpferd in der Arena genauso wenig glücklich wie das Nilpferd im Wassertank. Und natürlich sei dies zu verurteilen, allerdings wäre diese Form der Arbeit immerhin die Existenzgrundlage für die Betreiber, die den Lebensunterhalt sichere.
Zudem würden Proteste an den Tatsachen nichts ändern, sondern lediglich die Existenz solcher Unternehmen gefährden.
Dazu kommt, dass gerade im Zirkus-Umfeld häufig relativ niedrige Bildung vorherrsche, so dass die Leute bei Verlust ihrer Arbeit geradezu zur Langzeitarbeitslosigkeit verdammt wären.
Soweit das Argument meines Diskussionspartners.
Die Sicht von TierrechtlerInnen zu diesem Punkt liegt auf der Hand. Antispezizismus sieht vor, dass kein Tier egal für was “genutzt” werden darf, da jede Art der “Nutzung” eine Ausbeutung des Tieres darstellt. Dem entsprechend gilt für TierrechtlerInnen, dass nur die Freiheit artgerecht ist.
Meine Sicht der Dinge sieht etwas anders aus, auch wenn ich den AktivistInnen prinzipiell rechtgebe. Dennoch stellt der tierrechtlerische Ansatz natürlich eine Utopie dar, deren Verwirklichung tiefgreifendes Umdenken einer ganzen Gesellschaft erfordert, was dem Nilpferd und dem Kalb jetzt nicht weiterhilft.
Meiner Meinung nach gibt es keine Rechtfertigung, Tierleid quasi als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen und ich sehe keine Notwendigkeit, einen Zirkus oder ein Rodeo zu betreiben, bei dem Tiere zu Schaden kommen bzw. leiden müssen.
Am Beispiel eines Zirkus ist es relativ leicht, Alternativen zu finden und diese sogar zu nutzen, um Werbung zu betreiben. So gehört der Circus Flic Flac, der auf Tiere komplett verzichtet und stattdessen auf Acrobatik und Flair setzt, zu den Gewinnern der aktuellen Krise.
Würden Menschen wie Herr Barelli umdenken und sich einmal Gedanken über die Anforderungen machen, die sein Zielpublikum an einen unterhaltsamen Abend stellt, ergäbe sich eine Win-Win-Situation für den Zirkus und für die Tiere:
Der Mehrwert für die Tiere – die Möglichkeit einer artgerecht(er)en Unterbringung – liegt auf der Hand.
Der für den Zirkus auch: Dieser könnte neue Zielgruppen erschliessen und alte Besucher wieder in die Zelte locken. Gleichzeitig könnte der Verzicht auf Tierdarbietungen werbisch genutzt werden und Hr. Barelli könnte sich als Reformer, ja als Visionär der verstaubten Zirkuswelt darstellen.
Zudem würde er auch von seinen jetzigen KritikerInnen Zuspruch erfahren, welcher wiederrum genutzt werden könnte, um den Zirkus in völlig neuem Licht dastehen zu lassen. Und ganz nebenbei könnte er die Kosten, die er für die Unterbringung der Tiere verwendet, in neue Attraktionen investieren, sodass sich die Investitionen refinanzieren könnten.
Aber wie sieht es bei einem Rodeo aus?
Zunächst einmal stelle ich mir persönlich die Frage, wozu in Deutschland Rodeos benötigt werden. Aber da es nunmal ein Interesse am Wilden Westen und Cowboys/-girls wird es auch immer Unternehmen geben, die dieses bedienen.
Und aus rein wirtschaftlicher sicht wird der Betreiber kaum auf die Zurschaustellung von Pferden verzichten. Doch wenn man mal einen Blick auf das Programm eines solchen Rodeos wirft, wird einem anders.
Der deutsche Tierschutzbund berichtet:
„Rodeo ist kein Sport und viele der Tiere leiden. Die Veranstalter und die Stadt Hanau sollten sich an wissenschaftlichen Gutachten orientieren. Diese unterstreichen die Tierschutzrelevanz dieser unzeitgemäßen Volksbelustigung auf Kosten der Tiere“, erklärt Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Mit Sporen, Tritten und Schlägen werden die panischen Pferde und Rinder zum Buckeln und Bocken gezwungen. Die Tiere sind im höchsten Maße Schmerzen, Stress und Angst ausgesetzt. Noch nach Jahren im Showgeschäft zeigen die eingesetzten Tiere keine Gewöhnung, neben völliger Abstumpfung, Nervosität und Abwehrbewegungen, entwickeln einige sogar schwere Verhaltensstörungen.
Dabei muss Western-Atmosphäre in keinster Weise mit Rodeo erzeugt werden. Die Besucher kommen doch wegen der versprochenen “Action” und das Thema “Wilder Westen” bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, eine mitreissende Unterhaltung zu bieten.
Auch hier gilt: Würde der Betreiber mehr auf familiäre Bedürfnisse eingehen, könnte er sich die Tierquälerei sparen und stattdessen sogar positive Effekte erzielen. Ich denke nur an Western-Shows, Slapstick, Lasso-Werfen und Kartentricks im Saloon usw, usf.
Dem entsprechend bin ich der Meinung, dass GERADE solche Veranstaltungen kritisch beäugt werden müssen und nehme den wirtschaftlichen Schaden der Betreiber ebenso als Kollateralschaden in Kauf, die diese das Leid der ihnen anvertrauten Tiere.
Die Gründe, warum ein Herr Barelli über seine finanziellen Probleme jammert, haben nämlich in keinster Weise damit zu tun, dass irgendwelche Tierschützer gegen seine Art der Tierhaltung demonstrieren. Vielmehr hat er versäumt, sein Unternehmen weiter zu entwickeln und muss nun – wie übrigens alle tradierten Zirkus-Unternehmen – feststellen, dass sein Produkt einfach kaum mehr Interessenten findet.
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