Békéscsaba (Ungarn)

“1250 km – das ist ja ein Kinderspiel” lachte John noch, als ich ihm erklärte, wo das Tierheim Békéscsaba in Ungarn liegt und wir machten noch Witze darüber, dass wir absichtlich ein paar Umwege fahren würden, damit die Fahrt wenigstens eine kleine Herausforderung darstellen würde. Tatsächlich ist es so, dass wir bei unseren Reisen mittlerweile daran gewohnt sind, auch deutlich weitere Strecken zurückzulegen und Wege von 2.000 und mehr Kilometern keine Seltenheit sind.

Das Lachen verging uns allerdings augenblicklich, als uns bewusst wurde, dass wir mit unserem Anhänger maximal 80 Stundenkilometer fahren durften. So ließen wir die avisierten Umwege weg, da sich die 15 Stunden Fahrt im Kriechtempo auch so als wahre Herausforderung für uns entpuppte.

Die Anreise

Am Donnerstagmorgen, den 25. März 2010 startete unser sechsköpfiges Team mit Transporter und – dank vieler Spenderinnen und Spender – leicht überladenem Anhänger vom Tierrefugium Hanau aus in Richtung Ungarn. Unsere Route führte uns über Passau, Linz, Wien nach Budapest, bis wir um kurz vor 23:00 Uhr Zwischenhalt in Kecskemet machten, wo wir Erika, unsere Dolmetscherin, für die nächsten Tage in Empfang nahmen.

Von dort aus folgten die berühmt-berüchtigten letzten 125 km über Landstraße nach Békéscsaba, die wir Dank nachtschlafender Zeit in lediglich zweieinhalb Stunden zurücklegten.

Unsere ungarischen Gastgeber hatten für uns zwei Appartments im Zentrum von Békéscsaba organisiert, die wir schliesslich gegen halb zwei in der Nacht erreichten. Hier wurden wir zum ersten Mal während unserer Reise mit der sprichwörtlich großzügigen Gastfreundlichkeit der Ungarn konfrontiert. Eine unglaublich große Auswahl an Speisen und (alkoholischen) Getränken begrüßte uns in der kleinen Küche – Vorräte, die auch für zwölf Leute und zwei Wochen gereicht hätten.

Marco, seines Zeichens erfahrener Auslandstierschützer brachte es auf den Punkt: ” Das ist das erste Mal, dass ich nach einem Hilfstransport eine Diät machen muss.”

Freitag – Sichtung des Tierheims und Aufbau eines Zwingers

Am Freitagmorgen fuhren wir ins Tierheim und machten uns – nachdem wir etwa 750 kg Futterspenden, Unmengen an kochfesten Decken, Hundezubehör und eine Geldspende übergeben konnten – zunächst ein Bild von der Lage vor Ort.

Perfiderweise bekommen in Ungarn lediglich die Tötungsstationen staatliche Unterstützung, Tierheime jedoch nicht. Auf Grund dessen, dass das Tierheim Békéscsaba eine Abdeckerei bereitstellt und offizielle Aufgaben wie die Entgegennahme von Kadavern oder das Einfangen von Streunerhunden übernimmt, zahlt die Gemeinde wenigstens einen Betrag von umgerechnet ca. 2.000,00 Euro monatlich an die Einrichtung.

Dies reicht natürlich kaum, um die etwa 170 Hunde zu versorgen, die in der für maximal 80 Tiere ausgelegten Anlage leben. So gibt es kaum Geld für grundlegende Dinge wie Hundefutter, Kastrationen oder die Gehälter der Mitarbeiter.

Einige der Zwinger bieten keinerlei Schutz vor Witterung, die Gebäude sind stellenweise renovierungsbedürftig und eine Quarantänestation ist nicht vorhanden.

Dennoch fällt uns sofort auf, dass alle Hunde in gutem Allgemeinzustand sind und sich die Mitarbeiter/-innen und Freiwilligen liebevoll um ihre Schützlinge kümmern.

Nach Sichtung des Materials mussten wir feststellen, dass ein Gartenhaus, welches eigentlich aufgebaut werden sollte, völlig verschimmelt ist und nur noch entsorgt werden kann.

So fassten wir den Plan, zunächst einen Zwinger aufzustellen. Bea und Kati, die Leiterinnen des Tierheimes, hatten die Elemente günstig im Internet gekauft. Nach langem Grübeln, wie die einzelnen Teile wohl zusammenpassen könnten, beschlossen die Fachleute unter uns, zwei Zwinger zu bauen. Da keine passenden Eisen und Schrauben vorhanden waren, entschied Micha, unser Schlosser, die entsprechenden Flacheisen und Verstärkungen aus dem zu improvisieren, was auf dem Gelände zu finden war.

Ein weiteres Problem war, dass es keine ebenerdige oder gar betonierte Fläche gab, auf der der Zwinger aufgestellt werden konnte. So musste zunächst ein Podest geschaffen werden, auf dem aufgebaut werden konnte. Nach einiger Suche fanden wir schliesslich einen kleinen Vorrat alter Gehwegplatten, die nun festen Boden für die Hunde im Zwinger bieten.

Harte Arbeit – unterbrochen von ständigem Essen :-)

Der Anhänger des Transporters wurde zur überdimensionalen Schubkarre umfunktioniert, Werkzeug, welches nicht vorhanden war, wurde kurzerhand aus Holz selber hergestellt und so gelang es, innerhalb von etwa sieben Stunden einen Rahmen für den Untergrund zu bauen, eine ebene Fläche mit Gehwegplatten zu pflastern und die bis dahin nicht zusammengehörigen Zwingerelemente so zusammenzuknobeln, dass ein stabiler und sicherer Zwinger entstand.

Dank des sonnigen Wetters konnten alle Beteiligten den ersten Sonnenbrand des Jahres geniessen, die harte Arbeit wurde nur von den unglaublichen Mengen an ungarischen Spezialitäten unterbrochen, die zu essen wir “genötigt” wurden.

Ein kleiner Schreck

Nach getaner Arbeit fuhren wir müde aber erfolgsverwöhnt gegen 19:30 Uhr zurück in unsere Herberge. Als wir unsere Appartments betreten wollten, dann der Schock. Irgendjemand hatte uns ausgesperrt.

Nachdem wir uns gegenseitig versichert hatten, dass wir richtig sind und niemand eines der zahlreichen Schlösser an den Türen abgeschlossen hatte, stand fest: Irgendjemand war in den Appartments gewesen.

Sofort kreisten unsere Gedanken um unser liebgewonnenes Hab und Gut, die Laune rasselte schlagartig in den Keller. Todesmutig öffnete Allrounder Thorsten die Tür zur Wohnung.

Im Innern der Beweis: Jemand war in das Appartment eingedrungen und hatte die verwelkten Küchenpflanzen “gestohlen”. Ausserdem hatte der Unbekannte sauber gemacht und die Post auf den Küchentisch gelegt, bevor er wieder verschwunden war und die Haustüre hinter sich verrriegelte.

So stellte sich heraus, dass unsere Ungarn vergessen hatten, die Putzfrau abzubestellen. Erleichtert, dass unsere Sorge unbegründet war, fielen wir schliesslich müde in unsere Betten.

Samstag: Noch ein Zwinger, Hitzeschutz und ein trauriger Abschied

Für Samstag war eigentlich geplant, den zuvor gebauten Zwinger zu überdachen. Da das Material für das Dach jedoch noch nicht geliefert worden war, entschieden wir uns dazu, aus den verbliebenen Elementen einen weiteren kleinen Zwinger zu bauen, der im großen Freilauf bei der Integration von Hunden helfen soll.

Tatsächlich war es hier vor einiger Zeit zu einer tödlichen Beißerei gekommen, so dass die Tierschützer/-innen vor Ort nun die Möglichkeit haben, Neuankömmlinge zunächst im Zwinger unterzubringen, damit die Hunde sich langsam beschnuppern können. Mit Holzpaletten und den verbliebenen Gehwegplatten baute eine Gruppe zunächst einen stabilen Untergrund, während Schreiner Marco und Schlosser Micha den Zwinger vom Vortag mit improvisierten Winkeln und Rahmen stabilisieren konnten.

Nachdem die Anlage stand, wurde diese mit Eternitplatten überdacht und an die Rückwand des Zwingers aus einfachen Paletten ein Unterstand gebaut, der die Tiere vor schlechtem Wetter schützen wird.

Derweil unterstützte John vom Tierrefugium Hanau die Ungarn mit seinem Expertenwissen in Sachen Medikation und Diagnose von Krankheiten. Dank seiner mehr als zehnjährigen Erfahrung in verschiedenen Tierheimen, konnte er viele Fragen beantworten.

Ihm war schon am Tag zuvor ein Hund aufgefallen, der augenscheinlich starke Schmerzen hatte. Da das Tier seinen Urin nicht halten konnte, hatten wir die Vermutung, dass der Hund etwas an der Blase oder an der Niere haben könnte.

Leider bestätigte sich der Verdacht, der Hund hatte einen großen Tumor, so dass dem armen Kerl nicht mehr geholfen werden konnte.

So blieb uns nichts anderes übrig, als dem Tierarzt, der Samstagmittag kam, dabei zu attestieren, den Hund zu erlösen. Still machten wir uns wieder an die Arbeit. Auch wenn wir alle wußten, dass es für den Süßen so besser war, hinterlässt er uns traurig. Ich hoffe, dass es Dir jetzt besser geht.

Am Ende des Tages konnten wir das Ergebnis unserer Arbeit begutachten. Neben dem großen und dem kleinen Zwinger ist es uns trotz schwieriger Umstände gelungen, zudem noch den geplanten Sonnenschutz zu errichten.

Als wir uns am Sonntagmorgen von unseren Gastgebern verabschiedet hatten, diskutierten wir schon darüber, was wir bei unserem nächsten Besuch umsetzen wollen – ein Plan, der auch nach 15 Stunden Heimfahrt in völlig übermüdetem Zustand Bestand hat.

Unser besonderer Dank gilt:

  • den Spenderinnen und Spendern
  • den unterstützenden Initiativen, insbesondere Verena und den Fellfreunden
  • Erika, für ihre tolle Organisation und die Übersetzung
  • Bea und Kati für die unglaubliche Gastfreundschaft
  • Kira, Marco und Micha für ihren unermüdlichen Einsatz
  • John für seine Hilfe, ohne die das Ganze nicht funktioniert hätte
  • Michele für die tolle PR

Ihr seid super!

Thorsten und Normen

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