Die Verinselung der Gesellschaft

Ja, wir leben in einer Wirtschaftskrise. Und der Mensch muss sparen. Fragen Sie doch mal spaßeshalber in einem Tierheim oder einem Tierschutzverein Ihrer Wahl nach, wie sich die Spendeneingänge seit den Pleiten von Lehmann und Co. so entwickelt haben. Unisono wird Ihnen bestätigt werden, dass die Bereitschaft zu spenden deutlich gesunken ist. Dies geht soweit, dass gute und wichtige Projekte nicht weitergeführt werden können. Viele Tierheime stehen vor dem Ruin, viele Vereine klagen über Mitgliederschwund.

Ja, wir müssen sparen. Doch frage ich mich, wie es kann, dass in der gerade erst angelaufenden Feriensaison schon wieder so viele Haustiere in Tierheimen landen. Wieso? Weil der Mensch eben sparen muss, aber natürlich nicht beim Urlaub. Schliesslich hat man das ganze Jahr hart gearbeitet. Da spart man doch lieber bei der Tierpension, oder gleich richtig, in dem man den teuren Vierbeiner gleich vor die Tür setzt.

Ja, wir müssen sparen. Das gilt insbesondere für uns Tierschützer. Wenn nämlich niemand spendet, müssen wir den Gürtel enger schnallen und Kosten reduzieren. In den meisten Fällen bei uns selber. Da unsere Schützlinge bestimmte Dinge wie gutes Futter, Pflege und medizinische Versorgung brauchen. Egal, ob sich der Euro auf Talfahrt befindet oder nicht. Und genau wie die Griechenlandkrise in einigen Jahren nur noch eine Randnotiz der Geschichte sein wird, werden viele Vereine, Projekte und Initiativen auch nichts anderes mehr sein.

Ja, wir müssen sparen. Aber gilt das auch für unsere Zeit und unsere Bereitschaft, uns aktiv für etwas oder jemanden einzusetzen? Fragen Sie doch bei der Gelegenheit im Tierheim, wie sich die Zahl der Ehrenamtlichen in den letzten Jahren entwickelt hat. Fällt Ihnen etwas auf?

Die “Verinselung der Gesellschaft” ist eine Entwicklung, die schon seit Jahren bekannt ist und es sogar bis nach Hollywwod geschafft hat. “Ich bin eine Insel, ich bin Ibiza.” sagt Hugh Grant in dem Film “About a Boy” und bringt damit pointiert auf den Punkt, wie ein selbstverliebter Egomane auszusehen hat. Im Kino haben Sie vielleicht gelacht, in der Realität ist Ihnen das Lachen sicherlich auch schon mal im Halse stecken geblieben.

Soziologen schieben diesen Effekt, sich in allererster Linie um eigene Belange zu kümmern, gerne auf das Internet. Die Utopie von einer Gesellschaft, die nur noch über Monitore mit fremden Menschen kommuniziert und sich “eininselt”, ist so alt wie das Internet selber.

Dabei führe ich für meinen Teil diese Entwicklung nicht auf das Internet zurück. Vielmehr leben wir seit Jahren in einer Umgebung der geschürten Angst. Angst um den Arbeitsplatz, Angst um Geld, Angst vor der Zukunft und Angst um die Gesundheit. In einer Zeit, in der Begriffe wie “Humankapital” zum Unwort des Jahres geraten und wir in jeder Zeitung und in jeder Nachrichtensendung, dass wir froh sein können, dass wir nicht gefeuert, von Terroristen in die Luft gejagd, von Sozialschmarotzern um unser Geld gebracht oder von den Chinesen als Exportweltmeister überholt werden.

Fällt Ihnen etwas auf? Richtig, die Chinesen haben uns schon lange überholt und wir leben immer noch. Aber so ist das mit der Angst. Wenn ein Lebewesen Angst hat, neigt es dazu, Schutzmechanismen aufzubauen und nach Hilfe zu suchen. Und die finden wir in Form von gutgemeinten Ratschlägen in den Medien zu Hauf.

Und wir befolgen sie: Schliesslich haben wir gelernt, hat man kein Geld, keinen Job, keinen Status, dann hat man nichts, ist nichts und gilt nichts.

Also müssen wir gegensteuern, müssen flexibler werden, in einer Ellenbogengesellschaft bestehen und uns durchsetzen lernen. In einer solch bedrohlichen Situation wie dieser wären wir verrückt, wenn wir Rücksicht auf andere nehmen oder uns gar für etwas einsetzen, was uns nicht bezahlt oder zumindest mit Machtgewinn entlohnt wird. So werden wir alle zu Inselanern, zurückgezogen auf unserer kleinen Insel mit einer dicken Mauer drumrum und extragroßen Scheuklappen auf, damit wir ja nicht mitansehen müssen, dass vor lauter Flexibilisierung und Ellenbogengesellschaftsbildung die Kleinen und Schwachen zu Grunde gehen.

Wir müssen sparen. Dies gilt gerade auch für Tierschützerinnen und Tierschützer. Wir müssen mit Superlativen sparen, mit Schreckenszenarien und mit blutigen Bildern. Mit Überheblichkeit und Selbstbeweihräucherung. Warum? Weil wir sie sonst auf Inseln vertreiben, all die jenigen, die noch hinsehen.

Wir wollen keine Insel sein, nichtmal Ibiza.

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Ein Kommentar zu “Die Verinselung der Gesellschaft”

  1. mark sagt:

    Schöner Artikel, ist sehr interessant geschrieben. Bin derselben Meinung: Wir müssen sparen!

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