Kollateralschäden der Gesellschaft
Von normen | 28. April 2009 | Kategorie: Pamphlete |Als ich einen der letzten Sonntage in der Notaufnahme verbrachte, weil mich einer meiner Hunde bei einer Rangelei unglücklich in der Hand erwischt hatte, überkam es mich wieder. Diese Frage, die sich wohl jede oder jeder Tierschützer ab und an stellt:
Warum tue ich mir das an?
Nun, der beißende Hund hat augenscheinlich nicht verstanden, dass ich mich – um sein Wohlergehen besorgt, trotz aller Warnungen und wider besseren Wissens – in den Kampf stürzte, um den 20 kg leichten Angreifer vor der 45 kg schweren Angegriffenen zu retten. Doch weder die notwendige Tetanus-Spritze noch die die elende Warterei an einem Sonntagnachmittag in einem Kleinstadtkrankenhaus sind die Gründe dafür, dass ich mir diese Frage stelle.
Denn solche Begebenheiten sind nun mal der Preis, den wir alle gerne für unseren Lebenstil zahlen und all die Kratzer, Striemen und Zahnabdrücke sind doch schlussendlich nichts als kleine Heldennarben im Kampf für eine bessere Welt …
… dachte ich und zog mir mein “Animal Liberation”-T-Shirt aus asiatischer Kinderproduktion an. Aber dazu später.
Nun, 2009 scheint ein gutes Jahr zu sein, um aufzugeben. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass sich die E-Mails, Anrufe und Briefe häufen, in denen Leute, die sich jahrelang für Tiere eingesetzt haben, bekanntgeben, dass sie das Handtuch werfen.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Wir befinden uns mitten in einer Wirtschaftskrise und die dringend benötigten Spenden werden knapp, da die Leute kein Geld mehr übrig haben.
- Trotz jahrelanger Diskussionen hart sich die Situation in den Ländern nicht geändert, Tierschutzgesetze existieren nicht oder werden nicht beachtet.
- Die Vermittlung der Tiere gestaltet sich immer schwieriger
- und und und
Wenn Sie mich fragen?
Das ist alles Quatsch!
Diese Probleme sind so alt wie das Thema selbst. Und es gab immer Zeiten, in denen kein Geld, keine Adoptanten und kein Verständnis da war.
Der Grund, weshalb wir uns fragen, warum wir uns das antun, ist der, dass wir vergessen haben, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Und hier rede ich nicht von Hunden, Katzen, Pferden, Käfighühnern, Labortieren, “Jagdwild” oder “Nutz”tieren.
Wir haben es zu allererst mit Menschen zu tun und genau da liegt die Wurzel allen Übels.
Gemeint sind ausnahmnsweise mal nicht die Ignoranten, die Wegseher, die aktiven und passiven Tierquäler, sondern in aller erster Linie wir selber!
“Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere” Dieser abgegriffene Spruch ist vielleicht nicht falsch, aber die Tatsache, dass wir Tiere lieben kann nicht gleichbedeutend sein mit der Feststellung, dass wir Menschen hassen.
Genau diese Ablehnung “alles menschlichen”, diese Kategorisierung, so richtig sie uns erscheinen mag, sorgt dafür, dass wir auf den Tierrechtsdemos dieser Erde ungläubiges Kopfschütteln ernten. So lange wir uns dem Zusammenhang verschliessen, dass auch der Mensch ein Säugetier und schutzbedürftig ist, sind wir tatsächlich die Spinner, für die wir gehalten werden.
Nur ein Beispiel:
Wenn ich in einem Forum lese, dass ein Tierschützer alle 99 deutschen EU-Abgeordneten angerufen hat, um auf den Gesetzentwurf von Hutchinson und Co. aufmerksam zu machen, ist das gut und schön.
Wenn ich im selben Forum lese, dass 20 weitere Nutzer das selbe getan und die Telefonnummern der Abgeordneten in zig anderen Foren veröffentlicht haben, finde ich das bedenklich.
Wenn sich dann schliesslich einer der Tierschützer beschwert, dass von den Abgeordneten keiner ans Telefon geht, frage ich mich, ob der Tierfreund noch alle Tassen im Schrank hat.
Und wenn sich zu guter Letzt jemand wundert, warum all die Petitionen, Demos und Aufrufe nichts gebracht haben, wurde hier einiges grundlegend missverstanden.
“Seitdem ich Tierschützer kenne, habe ich Angst um die Tiere”
Ich weiss nicht, ob es diese Interpretation des Sprichworts schon gibt. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dem Angst und Bange wird, wenn ich darüber nachdenke, wer sich so um das Wohlergehen der Tiere kümmert.
Schauen wir uns mal um auf dem Markt der Eitelkeiten:
Da wären all die Hunde- und Katzenorgas, die “Pfötchen”, “Herzen”, “Notfelle” “Samtnasen” und wie sie alle heißen. Bösartig auch gerne als Hausfrauen-Orgas bezeichnet. Oder Egomaninnen auf Eierlikör …
Fakt ist, dass die Hälfte der Hilferufe, die uns von solchen Organisatioen erreichen, triefend kitschig, überzogen und häufig auf gefährliche Weise irreführend sind.
Außerdem: Die ganzen kleinen, süßen Hunde, die für phantastische Vermittlungserfolge sorgen, lassen schnell vergessen, dass doppelt so viele weniger kleine, weniger süße Hunde in den Tötungsstationen zurückgelassen werden. Tierschützer, für die das hohe Alter eines Tieres ein Hinderungsgrund darstellt, sind genauso humanistisch wie der junge CDU-Politiker, der vor einigen Jahren gesagt hat, dass komplizierte Hüft-OPs für alte Menschen Geldverschwendung wären.
Dann gibt es noch die “Tierschützer”, die das Thema als Deckmäntelchen benutzen, um ihre menschenverachtenen Ideologien zu verbreiten. Alte und neue Nazis sowie diverse Sektenmitglieder. Schon vielfach wurde ich mit Leuten konfrontiert, die z.B. der Meinung sind, dass Schächten in Deutschland nur wegen des Holocaust erlaubt sei und die Deutschen zu feige wären, den Juden diese Praxis zu verbieten.
Darauf angesprochen, dass auch Muslime schächten würden und dies dem entsprechend nichts mit Vergangenheitsbewältigung oder irgendeiner Feigheit zu tun hat, erntet man schliesslich tote Blicke dummer Menschen.
Nicht zu vergessen die lieben FreundInnen vom schwarzen Block. Augenscheinlich glauben manche Menschen, dass sie einer Sache revolutionären Nachdruck verleihen könnten, in dem sie einen McDonalds anbrüllen. Schön in Lederstiefeln auf die Antipelz-Demo gerannt und später an der Bockwurschtbude erwischt. Am Ende noch mal schnell vermummt und mit den Bullen angelegt. Warum versteht keine/r – nicht mal die Leute, die im schwarzen Block stehen
Meiner Meinung nach – und ich freue mich schon auf die Hate-Mails – besteht ein Großteil der Tierschutzszene aus Spinnern, Wichtigtuern, Egomanen.
Der kleine Rest – die Leute, die sich reinknien, die ihre ganze Kraft und ihr ganzes Geld investieren, um auch nur einem Tier zu helfen. Die Leute, die begreifen, dass Tierliebe EIN Bestandteil eines nachhaltigen Lebens sein muss, sind Kollateralschäden einer Gesellschaft, in der sogar die TierschützerInnen andere Lebewesen zum Zwecke der Selbstaufwertung missbrauchen.
Diese Leute sind es, die sich die Frage stellen:
Warum tue ich mir das an?
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