Vier gerettet – 340 ohne Hoffnung

Am letzten Wochenende hatte ich die Gelegenheit, die vier Notfälle, über die wir berichtet haben, in der Perrera Gesser abzuholen und nach Deutschland zu bringen.

Diese Reise war gleich auf vielfältige Weise eine Herausforderung:

Zum Einen fand sich so kurzfristig niemand, der mitfahren konnte. So fuhr ich zum ersten Mal ohne Beifahrer einen – wenn auch kleinen – Transport. Dazu kam, dass die Strecke mit insgesamt etwa 5.500 km die bis dato längste war, die ich organisierte. Eine weitere Herausforderung war, dass ich keine genauen Informationen über den Zustand der Hunde geschweige denn über ihre Schulterhöhe hatte, so dass ich sicherheitshalber große Transportboxen einplante.

Dank des Tierrefugiums in Hanau und der Hundenothilfe 4 Pfoten konnte ich etwa 300 Kilogramm Hunde- und Katzenfutter als Spende für die Tiere vor Ort mitnehmen, als ich am Samstag morgen startete.

So fuhr ich vom Hochtaunus zunächst ca. 1400 km nach Barcelona, wo ich Dank Monicá Planas vom Tierheim in Castell Bisbal übernachten konnte. Sonntags abends erreichte ich schliesslich Gesser. Das kleine Dorf gehört zum Touristenort Jerez de la Frontera, welcher wiederrum weit im Süden Andalusiens etwa 120 km von der Grenze zu Marocco entfernt liegt.

Von Tourismus ist in dem Vorort allerdings nichts zu spüren. Vielmehr beherrschen zerfallende Häuser das Straßenbild. Die Gegend gehört zu den ärmsten Spaniens, es herrscht eine hohe Arbeitslosenquote und vielen Menschen fehlt es an Perspektiven.

Hier ergibt sich europaweit ein homogenes Bild:

In strukturschwachen Regionen mit massiven sozialen Problemen werden wir immer wieder mit Vernachlässigung und Tierquälerei konfrontiert. Dies gilt für Andalusien wie für Ungarn, Griechenland oder Süditalien, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Während der etwa 15 minütigen Autofahrt, die ich am Montag morgen vom Hotel zur Perrera zurücklegte, hätte ich ohne Probleme zehn Fälle von Tierquälerei dokumentieren können. Auf so ziemlich jedem Grundstück fristen Kettenhunde – meist unterernährt und verletzt – ihr Dasein. Dieser Anblick gipfelte darin, dass ich zwei Pferde entdeckte, die in einem winzig kleinen Hundezwinger eingesperrt waren und keinerlei Möglichkeit hatten, sich zu bewegen.

Gegen 11:00 Uhr erreichte ich schliesslich die Perrera in Gesser, wo Ana, die Tierschützerin vor Ort, bereits auf mich wartete. Dank ihr hatte ich die Gelegenheit, die Tötungsstation zu besichtigen und mir ein Bild von der Situation zu machen.

In Gesser leben etwa 250 Hunde und 90 Katzen. Die Zwinger sind sehr klein (etwa 6 – 8 qm) und in weiten Teilen mit bis zu 7 Hunden völlig überfüllt.

So kommt es ständig zu Beißereien unter den Hunden. Viele der Tiere haben offene und entzündete Bissverletzungen, da keine tierärztliche Versorgung stattfindet.

Für einige wenige der Hunde gibt es Plastikkörbchen, der Großteil hat jedoch gar keine Rückzugsmöglichkeit und so sind die Tiere ausnahmslos massiv gestresst.

Die Katzen wiederrum sind auf drei (!) Zwinger im selben Gang verteilt, indem sich auch die Hunde befinden. Ana erzählte mir, dass es für die Miezen so gut wie keine Vermittlungschance gibt.

Dabei haben die Tiere, die in den Aussenzwingern leben noch Glück gehabt.

Im Inneren des Gebäudes gibt es winzige, vielleicht 2 qm große Boxen, die mich an alte Schweineställe erinnerten. Hier leben weitere Hunde – ohne Frischluftzufuhr unter unglaublichen Lärm, da es in der langgezogenen Halle heftig schallt.

In einer Box befanden sich 6 vielleicht zwei oder drei Wochen alte Welpen, die abgemagert und sehr geschwächt waren. Ana erzählte mir, dass viele Menschen ihre Hunde nicht kastrieren lassen und die Babies dann direkt nach der Geburt noch mit geschlossenen Augen in die Perrera bringen.

Die Welpen sind auf sich alleine gestellt. Wegen Parasitenbefalls und mangels altersgerechter Nahrung, leiden die Kleinen an Durchfall, Erbrechen und starken Schmerzen. Die Box ist voller übelriechendem Kot, in dem die ausgeschiedenen Würmer liegen. Diese Box ist schliesslich auch der Ort, in dem sie jämmerlich sterben. Alleine und namenlos.

Das Seufzen eines der Babies, kurz bevor es seinen Kampf aufgab, verfolgte mich während des gesamten Rückweges und ließ mich auch die letzten Nächte nicht schlafen.

Als ich Dienstag nacht nach einem Zwischenhalt an der Costa Brava mit “meinen” vier Notfällen in Deutschland ankam und sie ihre erste friedliche Nacht in einem weichen Körbchen verbringen konnten, bekam ich einige E-Mails von Menschen, die mir gratulierten oder sich bedanken wollten, dass ich die Hundies geholt hatte.

Doch machen wir uns nichts vor. An ihre Stelle kommen vier andere, in Gesser warten 340 Lebewesen auf Hilfe. Und jedes einzelne von ihnen hat diese Hilfe benötigt und verdient. Diese vier Hunde hatten das Glück, die richtige Größe, das richtige Alter und die richtige Rasse zu haben.

Nur das ist der Grund, warum sie überhaupt reserviert und wir auf sie aufmerksam wurden, nachdem der Verein abgesprungen war. Und während Barko, Rocky, Robbie und Nacho sicherlich bald ein schönes Zuhause finden werden, sterben in Gesser Tiere, die das selbe Anrecht auf ein würdevolles Leben gehabt hätten.

Den Vieren konnte ich helfen, für weitere 340 gibt es wohl keine Hoffnung.

Es gibt einige Organisationen, die den Hunden und Katzen in Gesser helfen. Wenn Sie ihre Arbeit unterstützen möchten, stellen wir gerne den Kontakt für Sie her.

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3 Comments to “Vier gerettet – 340 ohne Hoffnung”

  1. Susanne sagt:

    Hallo Normen,
    Respekt für diese Leistung! mir geht besonders das traurige Schicksal der Welpen die ganze Zeit nach, so wie Ihnen ihr letztes Seufzen auf der Fahrt und in den Nächten: kann man ihnen irgendwie helfen? sie könnten doch noch leben, wenn das “erst” 2 Wochen her ist? Mitnehmen konnten Sie sie wahrscheinlich nicht wg. fehlender Imfpungen? also kann man sie nicht rausholen oder nur zu einem Tierschützer/in in Spanien? Könnten Sie mir die Organisationen nennen, die in Gesser aktiv werden wollen?
    Vielen Dank!
    Susanne

  2. Angela sagt:

    Hallo Normen,

    Recht hast Du, man kann nicht alle Tiere retten.
    Recht hast Du, man kann ihnen aber ein erträgliche Leben ermöglichen.

    Wenn doch mehr Menschen ihre Herzen öffnen würden……
    Von den bischen was ich habe, gebe ich gerne bald etwas ab.
    Gruss Angela

  3. Erika Wicker sagt:

    Hallo Normen,
    wir, deine ungarischen Freunde möchten nur gratulieren für alles, was du da für die Hunde tust. Und möchten ein Dankeschön sagen für alles, was du schon für uns getan hast.
    Wir möchten sehr gerne hoffen, dass du auch Ungarn und uns nicht vergisst, und dass wir uns in der Zukunft noch treffen würden.
    Erika, im Namen aller deiner ungarischen Freunde

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