Von einem, der die Hölle erlebte (Teil 1)
Von normen | 1. Februar 2009 | Kategorie: Aktuelle Informationen |Normalerweise bemühen wir uns immer, möglichst objektiv zu berichten und nicht in drastische Bilder oder emotionale Metaphern zu verfallen. Im folgenden Bericht habe ich diesen Leitsatz über Bord geworfen, weil jede/r, der/die hier nicht mit seinen Emotionen zu kämpfen hat, ein wahrer Ignorant sein muss …
Traurige Gesichter
Als ich in einem ruhigen Moment in die Runde blicke, schaue ich in traurige Gesichter. Einige halten sich schockiert die Hände vors Gesicht, einige andere kämpfen mit den Tränen und wieder andere haben den Kampf gegen selbige aufgegeben.

Der kleine Paolo wurde querschnittsgelähmt in einem Tierheim gefunden - Heute ist er Dank des Tierrefugium Hanau ein glücklicher Hund
Der Grund für diese Mischung aus Ratlosigkeit, Wut und Trauer sind Johns Schilderungen und die mitgebrachten Bilder über seine Zeit im Süden Italiens, wo er in verschiedenen Tierheimen dafür gekämpft hat, dass die Hunde dort ein halbwegs würdiges Leben führen können.

Dieser kleine Hund hat eine schlimme Hautkrankheit. Niemand hilft ihm.
Gerade berichtet er über die unhaltbaren Zustände in den sogenannten Canile im EU-Mitgliedsstaat, von den katastrophalen hygienischen Verhältnissen, der Ignoranz einiger Menschen gegenüber ihren Mitgeschöpfen, von Korruption und mangelnder Fachkenntnis der Angestellten.
Als John von dem kleinen Welpen erzählt, der gemeinsam mit beinahe 40 anderen, gerade mal ein paar Wochen alten, Hunden jämmerlich an Parvovirose starb, spüre ich, dass die Zeit es nicht schaffen konnte, die Hilflosigkeit und Wut vergessen zu machen, die der heutige Leiter des Tierrefugium Hanau gefühlt haben muss.

John bei der Arbeit
Peterle hat er ihn getauft, damit das Hündchen nicht einer der vielen Namenlosen bleibt. Peterle, der für tot gehalten, einfach in einer Mülltüte entsorgt wurde und um den John stundenlang gekämpft hatte, bevor der kleine Kerl gestorben war.
Ein völlig sinnloser Tod, der einfach zu vermeiden gewesen wäre, wenn in dem Canile wenigstens ein geringer hygienischer Standard geherrscht hätte. Der zu vermeiden gewesen wäre, wenn Antibiotika und Infusionslösung da gewesen wären. Der zu vermeiden gewesen wäre, wenn der Betreiber des Tierheimes nicht so geizig gewesen wäre und die Mitarbeiter John bei seinem Versuch, die Tiere zu retten, geholfen hätten, anstatt auf ihre Mittagspause zu bestehen.
Von den 40 Welpen überlebten schliesslich nur vier Babies die Epidemie.
Wie kann es sein, dass in einem Mitgliedsland der EU, in einem beliebten Ziel für Touristen, solche Zustände herrschen?
Alles fing mit einer vermeintlich guten Nachricht für den Tierschutz an, die sich dann zu einem Boomerang entwickelte.
Im Jahr 1991 beschloß die italienische Regierung ein neues Gesetz, welches die Tötung von Streunerhunden verbot.

Bis auf die Knochen abgemagert - Dank John und Drane lebt dieser Dalmatiner heute in einer Familie und darf endlich ein glückliches Leben führen.
Seitdem subventioniert der Staat, bzw, die Komunen, private und kommunale Tierheime mit einer Kopfsumme. Dies bedeutet, dass pro Hund bis zu 4,00 € am Tag (Quelle: cicto.org) für Unterbringung und Versorgung aus EU-Subventionen gezahlt werden. Ein Tierheim, welches 100 Hunde beherbergt, könnte so theoretisch bis zu 12.000,00 € monatlich an staatlicher Förderung einnehmen.
In der Praxis sieht es so aus, dass diese Aufträge ausgeschrieben werden, d.h. dass sich verschiedene “Anbieter” gegenseitig unterbieten. So liegt die Kopfprämie im Mittel bei ca. 1,70 € täglich. Dieses Geld reicht bei weitem nicht aus, um die Mindestversorgung der Tiere zu garantieren – ist für die Betreiber aber nach wie vor lukrativ, wenn man auf medizinische Versorgung, Futter und Instandhaltung der Tierheime verzichtet.

Dieser arme Kerl hat keine Zukunft, da ihm niemand medizinisch helfen will.
An den Ausschreibungen kann jeder teilnehmen. Um in Italien ein Tierheim zu eröffnen reicht die Vorlage des Bebauungsplans. Im Süden des Landes, in dem hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit herrschen, kommen viele unqualifizierte Menschen auf die Idee, eben dies zu tun – ein Tierheim eröffnen und an einer Ausschreibung teilzunehmen.
Katastrophale Zustände

Unbehandelte Augeninfektionen sind in süditalienischen Tierheimen alltäglich.
Um möglichst viel Gewinn einzustreichen, tun diese Menschen dann alles, um die Kosten im Tierheim so gering wie möglich zu halten. Kastrierte Hunde sucht man vergeblich, medizinische Versorgung ist so gut wie nicht gegeben und das Futter wird knapp gehalten. So berichtete John von einem Tierheim, in dem für 120 Hunde zwei Säcke Futter am Tag reichen sollten.
Auf Grund dessen sind die Hunde unterernährt, die Tatsache, dass die Zwinger nur ausgespritzt und nicht desinfiziert werden, sorgt dafür, dass Erreger breitflächig verteilt werden und die geschwächten Tiere krankmachen. Darmerkrankungen sind an Tagessordnung, Hunde, die mit Leishmaniose und anderen Mittelmeerkrankheiten infiziert sind, erfahren keine Versorgung, die Tiere sterben jämmerlich an Krankheiten, die eigentlich leicht zu behandeln wären. Da die Hunde Kapital darstellen, werden die Tiere nicht erlöst werden, wenn sie leiden.

Müllcontainer, damit die Hunde zumindest ein Dach über den Kopf haben. Besonders gefährlich sind solche Tonnen wie im Hintergrund. Diese stammen zumeist aus der Industrie und niemand weiss, welche Stoffe darin gelagert wurden.
Da die Zwingeranlagen nicht ausreichend gesichert sind, gelangen die Rüden zu den Hündinnen, so dass auch in den Canile beinahe unkontrolliert Welpen zur Welt kommen. Diese armen Geschöpfe werden in einer Hölle geboren. Da die Mutter häufig krank ist und auf Grund der schlechten Nahrungsbedingungen nicht ausreichend Milch geben kann, sterben nach Johns Schätzung etwas 60 – 70 % der Jungtiere noch vor der 12. Lebenswoche.

Abgestandenes Wasser und wenig Platz
Kontrollen der Canile gibt es so gut wie garnicht. Wie überall in Italien stellt Korruption ein großes Problem dar. Außerdem fehlt vielen Menschen die Sensibilität für dieses Thema. Zudem handelt es sich hierbei um einen großen Markt: Im Jahr 2008 wurden 53.000.000,00 € (In Worten Dreiundfünfzig Million!!!) für den Tierschutz zur Verfügung gestellt. Angesichts solcher Summen hat niemand ein wirkliches Interesse daran, etwas an diesen Umständen zu ändern.
John hat ein kleines, sehr lesenswertes Büchlein über seine Erlebnisse geschrieben, welches Sie hier bestellen können.
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